Inkontinenz

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Inkontinenz

Harninkontinenz kann unterschiedlich ausgeprägt sein, von wenigen Tropfen bis zum permanenten Harnverlust.

Je nach Grundkrankheit und Ursache des unangenehmen Harnverlustes kommen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten in Frage. In vielen Fällen kann eine Kontinenz wiederhergestellt werden.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Welche Form und Ursache der Inkontinenz vorliegt, sollte unbedingt bei Auftreten der ersten Symptome von einer Ärztin oder einem Arzt abgeklärt werden. Da es sehr unterschiedliche Formen (auch Mischformen) der Inkontinenz gibt, ist eine schrittweise Abklärung der Ursachen und eventueller körperlicher Funktionsstörungen erforderlich, um eine individuell angepasste Therapiemethode wählen zu können. Die Abklärung darf sich nicht auf urologische Probleme beschränken, sondern muss die gesamte Patientin oder den gesamten Patienten erfassen. Die Basisdiagnostik kann bei der Hausärztin oder dem Hausarzt durchgeführt werden und umfasst folgende Untersuchungen:

  • Anamnese
  • abdominale und rektale Untersuchung
  • Blasentagebuch (Miktionstagebuch): Darin sollen die Patientinnen und Patienten über mehrere Tage vermerken, wie viel sie trinken, wie oft sie zur Toilette gehen, wie viel sie dabei entleeren und ob sie zum Zeitpunkt der Entleerung bereits nass oder trocken waren
  • Untersuchung von Unterbauch und Genitalbereich
  • Harnuntersuchung (Ausschluss oder Beweis von bakteriellen Entzündungen)
  • Restharnmessung (der nach Blasenentleerung in der Blase verbliebene Harn wird mittels Ultraschall untersucht.)
  • Blutuntersuchung (Entzündungszeichen, Serum-PSA-Wert); die Serum-PSA-Bestimmung wird jedem männlichen Patienten über 45 Jahren zum Ausschluss eines Prostatakarzinoms empfohlen
  • Bestehende Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Diabetes, die eine Inkontinenz verstärken/verursachen können, müssen abgeklärt werden.

Nach erfolgloser konservativer Therapie und zur Abklärung komplizierter Fälle oder vor möglichen operativen Eingriffen sollten für spezielle oder erweiterte Untersuchungen eine Fachärztin oder ein Facharzt für Urologie konsultiert werden:

  • Urinflussmessung
  • Urethrozystoskopie (Blasenspiegelung)
  • radiologische Untersuchung des Harntrakts
  • Urodynamik (Blasenfunktionsmessung)
  • CT, MRI

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Therapie einer Harninkontinenz ist abhängig von Form und Ursache. Je nach Art der Erkrankung kommen verhaltens- und physiotherapeutische, medikamentöse oder – nach Versagen aller konservativen Methoden – chirurgische Behandlungen infrage.
Die Operation kann zu einer wesentlichen Besserung führen; in schweren Fällen kann es auch sinnvoll sein, ein Harnröhrenband oder einen künstlichen Schließmuskel zu implantieren beziehungsweise sogenannte „Polstersubstanzen“ im Schließmuskelbereich einzuspritzen.

  • Verhaltenstherapie: In Absprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt werden sinnvoll angepasste Trinkmengen und fixe Toilettenzeiten festgelegt.
  • Physikalische Therapie: Beckenbodentraining ist das Mittel der ersten Wahl bei Belastungsinkontinenz; dieses sollte unter Anleitung eines auf urologische Probleme spezialisierten Physiotherapeuten durchgeführt werden. Auch mit Elektrostimulation und Biofeedback werden positive Effekte erzielt. Diese Therapiemethode eignet sich bei Belastungsinkontinenz nach Entfernung der Prostata und als Unterstützung der Verhaltenstherapie bei Drang­inkontinenz.
  • Medikamentöse Therapie: Die Behandlung mit Medikamenten, die die Harnblasenmuskulatur entspannen, erzielt in vielen Fällen bei Dranginkontinenz gute Erfolge. Antimuskarinika verzögern vorzeitige Kontraktionen der Harnblasenmuskulatur, bewirken eine Entspannung der glatten Muskulatur der Harnblase und wirken so dem ständigen Harndrang entgegen. Bei Drang- oder neurogener Inkontinenz kann Botulinumtoxin zur Behandlung erfolgreich eingesetzt werden. Es entfaltet seine Wirkung durch eine Abschwächung oder Teillähmung der Blasenwandmuskulatur. Dadurch entspannt sich die Blase und kann über einen längeren Zeitraum mehr Urin speichern. Der Therapieeffekt lässt jedoch in den meisten Fällen nach neun bis 15 Monaten wieder nach und muss dann wiederholt werden.
  • Chirurgische Therapie: Bei Belastungsinkontinenz können nach Versagen aller konservativen Maßnahmen mehrere verschiedene Operationsmöglichkeiten zur Wiederherstellung des Haltevermögens in Betracht gezogen werden. Eine Injektion von polsternden Substanzen wie Kollagen, Silikon oder Fett („bulking agents“) im Schließmuskelbereich dient dessen Abdichtung. Diese Methode ist sehr effektiv, die Wirkung hält in vielen Fällen jedoch nur kurz an und muss wiederholt werden. Deswegen sollte sie nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen. Eine Verbesserung konnte durch das Einlegen von sogenannten „volumenadjustierbaren Ballonen“ im Bereich des Blasenhalses erzielt werden. Eine weitere Methode ist die minimalinvasive Schlingenchirurgie, wobei hierfür unterschiedliche Produkte zur Verfügung stehen. Die Wirksamkeit dieser Methoden ist sehr unterschiedlich und sollte derzeit nur im Rahmen von kontrollierten Studien zur Anwendung kommen. Der Goldstandard in der operativen Versorgung der männlichen Belastungsinkontinenz ist der künstliche Blasenschließmuskel. Dabei wird eine Manschette um den Blasenhals platziert. Über eine kleine Pumpe im Hodensack kann diese Manschette beim Harnlassen geöffnet werden. Eine weitere Methode ist die Implantation eines Blasenschrittmachers, der zur Hemmung der kontraktionsfördernden Nerven Impulse an die Blase abgibt. Als „Ultima Ratio“ kann auch eine Blasenaugmentation durchgeführt werden, bei der ein Teil vom Darm zur Vergrößerung des Blasenvolumens verwendet wird.

Allen operativen Methoden gemeinsam sind mögliche Komplikationen wie Infektionen im Bereich der Harnröhre und der Haut.

Inkontinenzhilfsmittel

Sie können in der Akutphase und bei therapieresistenten Symptomen der Blasenschwäche hilfreich sein. Ziel ist der Schutz von Kleidern, der Haut und vor unangenehmen Harngerüchen. Man unterscheidet aufsaugende (Windeln, Vorlagen) und sammelnde (Urinal) Hilfsmittel. Die Kosten dafür werden zum Teil von der Krankenkasse übernommen. Der Dauerkatheter ist kein Mittel zur Behandlung der Inkontinenz aufgrund der schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen, wie dauerhafte Harnröhrenschädigung, Infektionen und Blasenschrumpfung.