Schmerzen

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Schmerzen

Akute Schmerzen treten immer dann auf, wenn Gewebe beschädigt wurde oder droht, beschädigt zu werden. Das ist zwar unangenehm, erfüllt aber eine lebenswichtige Aufgabe – als „bellender Wachhund der Gesundheit“, wie Mediziner sagen.

Denn Schmerz fungiert als Warnsystem, um schädigende Einflüsse auf den Organismus zu erkennen und, sofern möglich, zu beseitigen.
Chronische Schmerzen können entstehen, wenn akute Schmerzen sich ständig wiederholen, oder – auch weil sie nicht ausreichend behandelt werden – länger anhalten beziehungsweise sehr intensiv sind. Denn dadurch kommt es zu Veränderungen an den Nervenzellen, die in Rückenmark und Gehirn für die Weiterleitung und Verarbeitung von Schmerzreizen zuständig sind. Diese von Forschern auch als „Schmerzgedächtnis“ bezeichneten Veränderungen führen dann dazu, dass eine Schmerzempfindung entsteht, ohne dass die Schmerzrezeptoren erregt werden. Der Schmerz hat also seine ursprüngliche Ursache überdauert und ist selbst zu einer Krankheit geworden.

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn diese über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten bestehen und bei den Betroffenen Einschränkungen des körperlichen und seelischen Befindens bedingen. In Österreich sind Statistiken zufolge in etwa 20 Prozent der Bevölkerung davon betroffen. In anderen europäischen Ländern liegt die Rate ähnlich hoch.

Wie erfolgt die Behandlung von chronischen Schmerzen?

Chronische Schmerzen sind nicht einfach zu behandeln, insbesondere wenn sie schon lange Zeit bestehen und es sich um eine schwere Form handelt. Wichtig zu wissen ist aber, dass sie sich bei nahezu allen Betroffenen wirksam bekämpfen lassen. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass Schmerzpatienten vollkommen beschwerdefrei werden. Es geht vielmehr darum, dass diese Patientinnen und Patienten ihre Schmerzen in den Griff bekommen, dass sie lernen, Schmerzattacken zu vermeiden oder zumindest deren Intensität zu vermindern. Und dass sie sich trotz möglicherweise verbleibender oder ab und an auftretender Schmerzen in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, ihrem psychischen Wohlbefinden, ihrem Berufs- und Privatleben möglichst wenig eingeschränkt fühlen. Das Ziel bei der Behandlung chronischer Schmerzen ist also eine möglichst große Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.
Wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, lässt sich dieses Ziel am effektivsten mit einer sogenannten multimodalen Schmerztherapie erreichen. Dabei handelt es sich um ein individuell auf die Patientinnen und Patienten abgestimmtes Therapiekonzept, das sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzt. Dazu gehören einerseits Schmerzmedikamente und medizinische Methoden wie Krankengymnastik oder physikalische Therapie, anderseits psychologisch-verhaltenstherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken.

Ob die Behandlung ambulant oder stationär erfolgen sollte, wird ebenfalls individuell von der Ärztin oder dem Arzt in enger Abstimmung mit den Patientinnen und Patienten entschieden. Generell ist es ratsam, sich für die Therapie in die Hände eines ausgebildeten Schmerztherapeuten beziehungsweise eine Schmerzambulanz oder Schmerzklinik zu begeben. Dies gilt insbesondere dann, wenn die chronischen Schmerzen schon länger bestehen.

Medikamente

Die medikamentöse Behandlung ist aus mehreren Gründen unverzichtbarer Bestandteil des multimodalen Therapiekonzepts: Sie erlaubt es den Patientinnen und Patienten, selbst schnell wieder aktiv zu werden, sie ermöglicht ihnen die wichtige Erfahrung, dass die Schmerzen sich lindern oder sogar abstellen lassen, und sie erleichtert andere Behandlungsmaßnahmen wie die Krankengymnastik.
Welche Schmerzmedikamente (Analgetika) zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt werden, hängt von der Schmerzstärke ab. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dazu ein Stufenschema entwickelt. Demnach werden bei leichten Schmerzen (Stufe 1) die Nicht-Opioid-Analgetika (wie zum Beispiel bekannte Medikamente wie Ibuprofen oder Paracetamol) angewandt. Bei mäßigen Schmerzen (Stufe 2) kommen schwach wirksame Opioide, wie Dihydrocedeion, zum Einsatz, und bei starken Schmerzen (Stufe 3) stark wirksame Opioide, zu denen Morphine gehören. Lässt sich auf einer Stufe keine ausreichende Schmerzlinderung erzielen, ist die nächste Stufe angezeigt. So wird die Behandlung mit Schmerzmedikamenten individuell an die Patientinnen und Patienten angepasst.

Psychotherapie

Psychosoziale Faktoren wie Stress oder Ängste spielen bei der Entstehung chronischer Schmerzen eine wichtige Rolle. Umgekehrt haben chronische Schmerzen auch immer Auswirkungen auf die Psyche. Deshalb sind psychologische und psychotherapeutische Verfahren im multimodalen Therapiekonzept von zentraler Bedeutung.

Die am häufigsten eingesetzte Methode ist die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei wird versucht, die mit dem Schmerz verknüpften negativen Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Ziel ist es letztlich, den Umgang und die Haltung der Betroffenen dahin gehend zu modifizieren, dass sie den Schmerz nicht länger als etwas ansehen, dem sie mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind, sondern vielmehr als eine Herausforderung, die sie selbst aktiv beeinflussen und bewältigen können.

Physikalische Therapie und Physiotherapie

In der multimodalen Schmerztherapie werden auch verschiedene physikalische und physiotherapeutische Behandlungsmethoden eingesetzt. So haben Wärme-, Kälte- und Wasseranwendungen bei Schmerzen eine jahrtausendealte Tradition, die bis heute währt. Massagen, Elektrotherapie und Ultraschall können als Ergänzung zu Medikamenten und Psychotherapie bei manchen Betroffenen ebenfalls sinnvoll sein. Bei der krankengymnastischen Behand­lung geht es einerseits darum, den Körper beziehungsweise bestimmte Körperpartien und Muskelgruppen zu stärken und die Koordinationsfähigkeit zu fördern. Andererseits dient sie dazu, Körperhaltungen und Bewegungsabläufe, die durch den Schmerz bedingt sind oder diesen verstärken, zu modifizieren. Wichtig für den Behandlungserfolg ist dabei, dass die Übungen regelmäßig durchgeführt werden.

Sport und Bewegung

Es gilt inzwischen als wissenschaftlich erwiesen, dass körperliche Betätigung schmerzlindernd wirkt und darüber hinaus auch die Stimmung eindeutig verbessert. Sport und Bewegung haben deshalb einen großen Stellenwert in der Therapie chronischer Schmerzen, müssen aber individuell an die jeweiligen Patientinnen und Patienten angepasst werden – also an die Schmerzform, die körperliche Leistungs­fähigkeit und die momentane Situation. So kann eine Belastung, die einmal gutgetan hat, beim nächsten Mal Schmerzen verursachen. Standardisierte Empfehlungen sind deshalb kaum möglich. Das grundlegende Prinzip lautet: fordern, ohne zu überfordern. Denn wichtig ist, dass Sport und Bewegung dem Kranken Spaß machen und als angenehm empfunden werden.

Operative Behandlung

In der Therapie chronischer Schmerzen gibt es auch verschiedene operative Verfahren. Sie werden in erster Linie dann eingesetzt, wenn sich die Schmerzen trotz Ausschöpfung aller anderen Behandlungsmethoden nicht im gewünschten Maß lindern lassen.
So kann manchen Patientinnen und Patienten mit schweren Rückenschmerzen durch eine Rückenmarkstimulation (SCS = Spinal Cord Stimulation) geholfen werden. Dabei werden eine oder mehrere Elektroden im Wirbelkanal befestigt, die mit einem unter dem Rippenbogen implantierten Neurostimulator verbunden sind. Ähnlich einem Herzschritt­macher sendet dieses System schwache elektrische Impulse an das Rückenmark, die dort die Verarbeitung und Weiterleitung von Schmerzreizen hemmen.
Die Implantation einer Schmerzpumpe kommt bei starken chronischen Schmerzen infrage, die durch die orale Gabe von Opioiden nicht ausreichend behandelt werden können.

Nerven zu durchtrennen oder zu veröden, um die Schmerzleitung dauerhaft zu unterbrechen, ist heute nur noch in Ausnahmefällen nötig.

Weitere Therapieverfahren

Bei der transkutanen Nervenstimulation (TENS) werden flache Elektroden auf die Haut aufgeklebt, die schwache elektrische Impulse an den Nerv beziehungsweise die Nervenwurzel abgeben, die der schmerzenden Region zugeordnet ist.

Dies soll das Nervensystem dahingehend beeinflussen, dass die Weiterleitung von Schmerzreizen zum Gehirn gedämpft beziehungsweise verhindert wird. Zwar sind die dahinter stehenden Mechanismen noch nicht bekannt, doch in Studien hat das auch Reizstromtherapie genannte Verfahren unter Beweis gestellt, dass es bei verschiedenen chronischen Schmerzformen wirksam ist – beispielsweise bei Rücken- oder Gelenkschmerzen.
Die Behandlung, die maximal durch ein sanftes Kribbeln auf der Haut zu spüren ist, kann nach genauer Einweisung durch die Ärztin oder den Arzt von den Patientinnen und Patienten selbst durchgeführt werden.
Lange Zeit umstritten war der Nutzen der Akupunktur in der Schmerztherapie – auch weil den Kriterien der Schulmedizin entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen fehlten. Das hat sich in den letzten Jahren geändert.
So konnte in klinischen Studien belegt werden, dass diese zur Traditionellen Chinesischen Medizin gehörende Methode bei verschiedenen Schmerzformen wirksam ist, etwa bei Nackenschmerzen, chronischen Rückenschmerzen oder bei der Kniegelenksarthrose.